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« For Arp, art is Arp ».
Marcel Duchamp prägte den Ausspruch „For Arp, art is Arp“. Trotz scheinbarer Eindeutigkeit veranlasst die Alliteration zu der Frage, was Kunst im Arp’schen Sinn eigentlich ist, lässt sie sich doch nicht in einer Definition, einer Zugehörigkeit, einem Stil oder einer Technik fassen. Vielmehr wandelt sie zwischen allem und allen, und Arps Werdegang straft jede lineare, undifferenzierte Lesart der Avantgardegeschichte Lügen. Anhand sorgfältig ausgewählter Dokumente verdeutlicht die Ausstellung, dass es diesem Künstler gelang, sich über künstlerisches Schubladendenken hinwegzusetzen und Unvereinbares in Einklang zu bringen, so Expressionismus und Dada, Dada und Surrealismus, Surrealismus und Konstruktivismus.
Ein strikt chronologischer Aufbau der Ausstellung erschien also nicht zwingend: Vielmehr konzentriert sie sich auf die Arps Werk innewohnende Logik und zeigt die wichtigsten Schaffensprozesse, deren Entstehung sowie ggf. deren Konstanz und Weiterentwicklungen auf. Bei der Auseinandersetzung mit diesen Prozessen geht es jedoch nicht darum, selbstzweckhaft zu beleuchten, „wie es gemacht ist“, sondern Verständnis dafür zu schaffen, wie das Werk während seiner Entstehung auch inhaltlich Gestalt annimmt, wie sich Geist und nie ruhende Hände ergänzen.
Die Ausstellung beleuchtet verschiedene damit zusammenhängende Aspekte: Sie veranschaulicht, mit welchen Materialien Arp mit der Tradition brach und wie das Prinzip der Komposition hinter der Improvisation seiner Tuschezeichnungen zurücktritt oder sich in seinen Collagen den „Gesetzen des Zufalls“ unterwirft. Sie zeigt, dass sich seine Formensprache aus der Metamorphose des Ovals – einer grundlegenden Arp’schen Form – entwickelt, und beleuchtet ferner die Auseinandersetzung mit der Frage der Urheberschaft. Hier spielt die Hand eine besondere Rolle, die mal der anonymen Schöpfung das Feld räumt (in den gemeinsam mit Sophie Taeuber und anderen geschaffenen Werken) oder die Ausführung anderen überträgt (bei der Kopie seiner Plastiken durch Assistenten), mal mit dem Werkstoff verschmilzt und ihm Leben einhaucht, wie in den Werken aus zerrissenem und zerknittertem Papier und in den Gipsplastiken. Auch als Dichter war Arp ein Meister. Die Ausstellung widmet sich zum einen seinen Gedichten als solchen (mit Erstausgaben) und analysiert zum anderen ihr Verhältnis zur bildenden Kunst.

Arps „unaufhörliches Bedürfnis zu produzieren“, so der Dichter und Kunstkritiker Jean Cassou (1), veranschaulicht die Ausstellung anhand von 180 Plastiken, Reliefs, Collagen und Zeichnungen. Sie konnten dank der engen Zusammenarbeit mit den Arp-Stiftungen Clamart, Locarno und Rolandseck und dem kürzlich eröffneten Arp Museum Bahnhof Rolandseck sowie mit der großzügigen Unterstützung zahlreicher Museen (Musée national d’Art moderne Paris, Kunstmuseum Basel, Nationalgalerie Berlin, National Gallery Washington, Museum of Modern Art New York) sowie privater Sammler und Galerien zusammengetragen werden.
Der Ausstellungskatalog enthält zahlreiche wissenschaftliche Beiträge, in denen die acht Themen der Ausstellung jeweils von einem Autor aufgegriffen und vertieft werden (Julia Droste, Thierry Dufrêne, Isabelle Ewig, Emmanuel Guigon, Walburga Krupp, Gabriele Mahn, Guitemie Maldonado, Eric Robertson, Georges Sebbag). Alle ausgestellten Werke sind abgebildet. Den rein retrospektiven Rahmen verlässt der Katalog mit einem visuellen Essay des Fotografen Martin d’Orgeval und einer poetischen Arp-Hommage von Patrick Beurard-Valdoye.
Mit zahlreichen Veranstaltungen (Kolloquien, Vorträge, Dada-Abend, Poesie-Lesungen, pädagogische Workshops usw.) wird das Straßburger Museum für Moderne und Zeitgenössische Kunst einen wichtigen Beitrag zur Entdeckung und Vertiefung des plastischen und literarischen Werks von Hans Jean Arp leisten.

(1) Jean Cassou (1897-1986), Schriftsteller, Widerstandskämpfer, Kunstkritiker und Dichter; von 1945 bis 1965 Direktor des Pariser Musée national d’Art moderne. 1962 organisierte er die erste Arp-Sonderausstellung in einem öffentlichen Museum Frankreichs.